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Bericht vom Vorbereitungstreffen der DASL-Jahrestagung 2018 am 09 03 18 in den Räumen der Schader Stiftung in Darmstadt

Zweck der Tagung war die Vorbereitung der DASL-Jahrestagung vom 28. bis 30. September 2018 in Mainz, die sich mit dem Thema „Migration und Wanderung als Alltag“ befassen wird. Dafür sind etwa 70 Projekte eingereicht worden, die während der Jahrestagung präsentiert werden sollen. Die Landesgruppe Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland hatte sie wunderbar aufbereitet und in Themengruppen aufgeteilt. Die Aufgabe der Delegierten war es, Empfehlung für die Vorstellung auf der Jahrestagung der Projekte auf der Jahrestagung zu vergeben.

Aus der Landesgruppe Nord waren leider nur sehr wenige Einreichungen gemacht worden. Das Wohnprojekt für Geflüchtete mit Bleibeperspektive am Mittleren Landweg war dabei und der von Andreas Kellner eingereichte Jüdische Friedhof in Altona. Von dieser Einreichung war ich anfangs (positiv) irritiert. Ich war davon ausgegangen, dass es sich bei der Benennung von „Alltagsorten der Migration“ um solche handelt, an denen ein tagesaktuelles Geschehen im Zusammenhang mit der Flüchtingssituation seit 2015 stattfindet. Zudem war der historische Friedhof in die Themengruppe öffentliche Räume, Parks etc. eingeordnet worden, obgleich er ja nicht öffentlich zugänglich ist. Er liegt in meiner Nachbarschaft und übt auf mich schon länger, spätestens seit den dramatischen Ereignissen um den Jüdischen Friedhof in Ottensen, eine gewisse Anziehungskraft aus. Darin spiegelt sich für mich die besondere Stadtgeschichte Altonas, die in der Gesamtstadtgeschichte Hamburgs nach meiner Meinung immer etwas zu kurz kommt.

Margit Bonacker hatte zwar zuvor immer wieder den Wunsch geäußert, für die Hamburger Beispiele den Rahmen weiter zu fassen und beispielsweise die „Neue Große Bergstraße in Altona, an der schon seit einigen Jahrzehnten Migration gelebt wird oder die Aktivitäten der IBA Hamburg im Sinne der „Kosmopolis“ zu benennen. Diese Beispiele sind dann nicht eingereicht worden.

Für die Diskussion in Darmstadt bot sich mit dem Friedhof aber die Möglichkeit, dem Alltag der Migration um eine historische Dimension zu erweitern, die belegt, dass wir mit dem Thema nicht erst seit dem September 2015 zu tun haben und dass es auch eine erfolgreiche Geschichte der Migration gibt, auch wenn Juden in Deutschland bekanntlich nicht immer einen leichten Stand hatten und auch heute wieder verstärkt Schwierigkeiten haben. Die Kollegen der Landesgruppe Niedersachsen/Bremen hatten einen Beitrag vorgeschlagen, der sich mit der Migrationsgeschichte der Italiener in Wolfsburg beschäftigt. Leider wurde dieser Vorschlag wohl nur wenig beachtet. Ich konnte die Diskussion aber nicht verfolgen. Sie fand in einer anderen Themengruppe statt. Der Friedhof in Altona hat zwar eine markante Präsenz, ist aber eben nicht immer zugänglich. Er hat aber im Sinne eines Freilichtmuseums dann doch eine Bedeutung für die Stadt. Dem konnten die Kollegen in meiner Gruppe folgen und der Friedhof zählt mit sieben Bewertungspunkten nach meiner Einschätzung zu den Empfehlungen für Mainz.

In der anschließenden „Fishbowl“-Diskussion wurde die Bandbreite deutlich, die das Thema auch nach meiner Meinung haben sollte. Viele der dort noch einmal kurz präsentierten Beispiele, hatten dann doch die Situation nach 2015 zum Thema und es wurde eingeworfen, ob die Beispiele nicht zu alltäglich seien und ob nicht stärker auf Besonderheiten Wert gelegt werden sollte. Mein vorgetragener Einwand bezog sich auf diese Alltäglichkeit, die ich gerade als die Besonderheit des Themas sehe, denn es geht für mich gerade darum, eine Integration im Alltag zu bewältigen. Wichtig erschien es mir auch, die Frage aufzuwerfen, in welche Gesellschaft die aktuell Geflüchteten integriert werden würden. Unsere Gesellschaft besteht ja eben nicht nur aus Deutschen, die seit vielen Generation im Land leben, sondern auch aus Deutschen, die in den 1950er und 1960er Jahren oder auch später zugewandert sind – oder eben noch früher ins Ruhrgebiet, an den Oderbruch usw. kamen. Der Friedhof in Altona ist dabei ein Symbol für eine solche Zuwanderung wie auch die Rolle der Italiener für den Aufbau und die Entwicklung Wolfsburg.

Ein anderer Einwand in der Diskussion bezog sich auf die mit der Zuwanderung verbundenen Ängste in der Bevölkerung, womit wir im politischen Alltagsgeschäft angekommen waren und ich mich fragte, wo die Projekte aus den ostdeutschen Bundesländern zu finden waren. Aus Halle-Neustadt war eines dabei, auch aus Leipzig. Weitere sind mir nicht aufgefallen. Ich denke, dass dieses Thema in Mainz noch vertieft werden wird.

Ich habe in Darmstadt zwei Dinge gelernt: Zum einen, dass die historische Dimension des Themas sehr wohl relevant ist, auch wenn sie von anderer Seite mit Befremden aufgenommen wird.

Die Prägungen des Oderbruchs oder Berlins durch die Einwanderung der Hugenotten oder unter anderem die polnischer Arbeitskräfte in das Ruhrgebiet kommen nur in Einführungen und Ansprachen vor. Trotzdem prägen diese Ereignisse noch heute unsere Gesellschaft. Ich will nicht zu weit zurückgehen, aber auch archäologische Funde, belegen, dass vor tausenden Jahren Menschen aus Afrika zu uns gekommen sind, um hier mit Einheimischen zu leben. All dies zeigt, dass Einwanderung schon immer eine Selbstverständlichkeit war. Städte würden ohne Migration nicht existieren!

Ich habe in Darmstadt zum Zweiten gelernt, dass es in Ost- und Westdeutschland unterschiedliche Betrachtungen des Themas „Alltagsorte der Migration“ gibt. Zwar ist nicht jeder im Westen gleicher Meinung und im Osten ist das auch nicht der Fall. Dieses Thema ist in Darmstadt nicht direkt angesprochen worden. Die Grenze war vielmehr durch unterschiedlich laute Äußerungen und insbesondere durch leise Andeutungen aus Ostdeutschland in Bezug auf die mit der Zuwanderung verbundenen Ängste und die daraus herrührenden politischen Ereignisse spürbar. Die Diskussion scheint mir dadurch sehr durch westdeutsche Stimmen geprägt zu sein. Die ostdeutschen Äußerungen sind kaum bis gar nicht hörbar. Wir sind abgesehen von der Landesgruppe (West-)Berlin-Brandenburg die einzige Landesgruppe der DASL, die Ost/West übergreifend arbeitet und könnten ostdeutsche Stimmen vernehmbarer machen. Vielleicht lässt sich dies noch mit Beiträgen zum Vorbereitenden Bericht zur Jahrestagung erreichen.

Ich bitte, meinen langen Bericht zu entschuldigen. Ich hatte keine Zeit für einen kürzeren.

Olaf Bartels, Mitglied im Vorstand der DASL-Landesgruppe Nord, 18. April 2018

 
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